Baroreflexversagen ist eine Erkrankung, die in vielen Fällen nicht oder sehr spät diagnostiziert wird. Die Erkrankung beruht auf einer beidseitigen Schädigung des afferenten Teils des Baroreflexes. Dabei können die Barorezeptoren, afferente Nervenbahnen oder afferente Hirnstammkerne beteiligt sein. Bei der Mehrzahl der Patienten ist die Ursache, die Schädigung der Baroreflex-Afferenzen, aus der Anamnese ersichtlich. Häufigste Ursache sind ausgedehnte chirurgische Eingriffe (z. B. „Neck Dissection”) und Strahlentherapie im Halsbereich. Die Information über Änderungen des systemischen Blutdrucks kann nicht mehr zum Gehirn weitergeleitet werden. Das Gehirn steuert den Blutdruck, ohne durch den Baroreflex gedämpft zu werden. Die Mehrzahl der Patienten, bei denen später Baroreflexversagen diagnostiziert wird, fallen durch stark schwankende hypertone Blutdruckwerte auf. Die arterielle Hypertonie kann episodenhaft auftreten oder über längere Zeit anhalten. Auch bei anhaltender Hypertonie schwankt der Blutdruck sehr stark. Während hypertensiver Phasen sind systolische Blutdruckspitzen bis 280 mm Hg beschrieben. Die Patienten bemerken häufig Wärmegefühl, Palpitationen, Flushing und verstärktes Schwitzen. Typische Auslöser für die hypertensiven Episoden sind psychische Belastungen, körperliche Aktivität und Schmerzen. Einige Patienten leiden auch unter episodenhaft auftretender Hypotonie und Bradykardien. Diese Episoden treten vorwiegend in Ruhe auf, wenn die kortikale Aktivierung des Sympathikus vermindert ist. Ausgeprägte orthostatische Hypotonie ist nicht typisch für Baroreflexversagen.
Differentialdiagnostisch muss Baroreflexversagen von einem Phäochromozytom, Nierenarterienstenose, Panikattacken, Hyperthyreose, Alkoholentzug oder Drogenkonsum (z. B. Kokain) abgegrenzt werden.
Gezielte Tests der Baroreflexfunktion müssen in der Regel in spezialisierten Zentren durchgeführt werden. Wichtig ist dabei eine genaue Charakterisierung der Baroreflexfunktion. Dabei wird der Blutdruck durch intravenöse Gabe von Vasodilatatoren (z. B. Nitroprussidnatrium) gesenkt und durch Vasokonstriktoren (z. B. Phenylephrin) angehoben. Die durch den Baroreflex vermittelten reflektorischen Änderungen der Herzfrequenz und gegebenenfalls der sympathischen Nerven werden gemessen. Bei Patienten mit Baroreflexversagen ändern sich Herzfrequenz und sympathische Nervenaktivität nicht, wenn der Blutdruck um mindestens 25 mm Hg geändert wird. Die Behandlung von Patienten mit Baroreflexversagen ist sehr schwierig. Der erste Schritt ist eine sorgfältige Aufklärung von Patienten sowie deren Angehörigen und behandelnden Ärzten. Zur medikamentösen Therapie der Hypertonie bei Baroreflexversagen sind Sympatholytika, wie zum Beispiel Clonidin und alpha-Methyl-DOPA besonders geeignet. Vasodilatatoren und Diuretika sollten vermieden werden, da ein unkontrollierter Blutdruckabfall auftreten könnte. Die vorsichtige Gabe von Diuretika ist nur bei Patienten indiziert, die unter sympatholytischer Therapie eine erhebliche Volumenretention zeigen. Benzodiazepine können aufgrund der zentralen Dämpfung den Blutdruck bei Patienten mit Baroreflexversagen senken, was insbesondere in Notfällen therapeutisch genutzt werden kann. Patienten, die sowohl unter Hypertonie als auch unter symptomatischer Hypotonie leiden, müssen mit einer paradox erscheinenden Kombinationstherapie von Antihypertensiva (z. B. Clonidin) und Antihypotonika (z. B. Fludrocortison) versorgt werden.
Jens Jordan, Berlin
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